Das Fragile
X-Syndrom ist die häufigste Form der vererbten mentalen Retardierung
und nach dem Down-Syndrom die zweithäufigste Ursache von mentaler
Retardierung überhaupt. Die Prävalenz für männliche
Individuen beträgt bis zu 1: 1000, für weibliche Personen
1 : 2500. Männliche Patienten weisen weiterhin charakteristische
körperliche Symptome und typische Verhaltensmerkmale auf. Bei
betroffenen weiblichen Personen findet man einen ähnlichen,
meist weniger stark ausgeprägten Phänotyp. Zu den körperlichen
Merkmalen des Fragilen X- Syndroms gehören u.a. ein langes
schmales Gesicht, große abstehende Ohren, prominentes Kinn
und Stirn sowie Makroorchie. Bei Kindern findet man häufig
Gelenkinstabilität (Finger). Nach der Pubertät sind diese
Merkmale deutlicher, speziell das lange schmale Gesicht und die
Makroorchie. Männliche Patienten mit dem fragilen X-Syndrom
weisen mentale Retardierung auf, wobei die Ausprägung von normaler
bis hin zu stark eingeschränkter Intelligenz reicht. Mädchen
sind meist viel leichter betroffen, wobei etwa 60 - 70 % der Mutationsträgerinnen
auch Retardierungen aufweisen.
Die Diagnose
des Fragilen X-Syndroms basierte ursprünglich auf dem zytogenetischen
Nachweis einer Folsäure-abhängigen fragilen Stelle Xq27.3
auf dem X-Chromosom. Die zytogenetische Analyse weist jedoch die
fragile Stelle bei weniger als 60% der Patienten nach. Dieser Test
zeigt deutliche Einschränkungen beim Überträgernachweis.
Ferner ist die Interpretation der Befunde kompliziert durch weitere
fragile Stellen in der gleichen Region (FraxD, FraxE, FraxF).
1991 wurde
das Fragile X-Gen charakterisiert, an dessen 5'-Ende sich ein Tandemblock
des Trinukleotids CGG befindet. Die für das Fragile X-Syndrom
verantwortliche Mutation besteht in der Verlängerung dieses
simplen repetitiven Segments und gehört zur Gruppe der sog.
dynamischen Mutationen. Die Anzahl der CGG-Trinukleotide in der
Normalbevölkerung liegt zwischen 6 und ~ 50. Bei der Prämutation
finden wir etwa 50-200 Trinukleotidmotive und bei der Vollmutation
200 und mehr. Die Prämutation tendiert dazu, sich in der maternalen
Meiose in eine Vollmutation auszudehnen. Je länger die Expansion
der weiblichen Prämutation, umso größer wird das
Risiko, daß die Vollmutation an die Nachkommenschaft übertragen
wird. Die Vollmutation (über 200 CGG- Einheiten) ist fast immer
mit Inaktivierung des FMR1-Gens verbunden.
Männliche
und weibliche Träger der Prämutation sind klinisch nicht
betroffen. Männliche Träger geben die Prämutation
unverändert an alle ihre Töchter weiter. Diese Töchter
sind wiederum gesund, haben aber ein Risiko, die Vollmutation an
ihre Kinder zu vererben.
Molekulargenetische
Methoden haben die Diagnostik des Fragilen X-Syndroms deutlich verbessert.
Durch die genaue Bestimmung der Trinukleotidblocklänge und
des Methylierungsstatus des FMR1-Gens kann der Genotyp sowohl für
die Träger der Prä- als auch der Vollmutation bestimmt
werden. Wenige Patienten mit dem Fragilen X-Syndrom weisen keine
Verlängerungen des CGG-Blocks, sondern Deletionen oder Punktmutationen
auf.
Die Indikation
für eine molekulargenetische Diagnostik auf das Fragile X-Syndrom
kann gestellt werden
1.) bei Personen
beider Geschlechter mit mentaler Retardierung, Enwicklungsverzögerung
oder Autismus, insbesondere
a.)
wenn sie für das Fragile X-Syndrom charakteristische körperliche
und geistige Merkmale aufweisen,
b.)
bei positiver Familienanamnese (bzw. bei Verdacht),
c.)
bei Patienten mit Fra X-Phänotyp und unklarem zytogenetischen
Ergebnis;
2.) im Rahmen
einer Beratung bezüglich Kinderwunsch bei positiver Familienanamnese
(bzw. bei Verdacht auf das Fragile X-Syndrom);
3.) im Rahmen
einer Pränataldiagnostik bei bekannten Überträgerinnen;
4.) bei Patienten
mit dem Phänotyp eines Fragilen X-Syndroms mit unklarem zytogenetischen
Ergebnis.
Die direkte
DNA-Analyse (Nachweis der Trinukleotidblockverlängerung im
FMR1-Gen) ist die Untersuchung der Wahl bei Verdacht auf Fragiles
X-Syndrom. Bei Patienten mit unklarer mentaler Retardierung sollte
zusätzlich eine zytogenetische Untersuchung in Erwägung
gezogen werden, da Chomosomenabberationen ähnlich häufig
wie das Fragile X-Syndrom mentale Retardierungen bedingen.