Maligne Hyperthermie (OMIM 145600)
Maligne Hyperthermie (MH) ist eine seltene (ca.
1:10.000 in der Bevölkerung auftretende) autosomal dominant
(ad) vererbte, "pharmakogenetische" Erkrankung. Bei klinisch-neurologisch
meist unauffälligen Patienten wird diese Erkrankung erst unter
oder nach Narkose erkannt, wobei die gesamte Skelettmuskulatur abnorm
auf halogenierte Anästhetika und depolarisierende Muskelrelaxantien
(sog. Trigger-Substanzen) reagiert.
Während einer MH - Krise entgleist die normale Kontrolle des
Kalziumstoff¬wechsels. Erhöhte Kalziumkonzentration bewirkt
generelle Stimulation sämtlicher energieverbrauchender Prozesse
in der Skelettmuskulatur (quergestreifte Muskeln) und führt
zur charakteristischen Stoffwechselsteigerung im gesamten Organismus
durch Erhöhung des Blutdruckes und der Pulsfrequenz sowie durch
Anstieg der Körpertemperatur.
Das klinische Bild kann von differentialdiagnostisch schwierigen
MH-Episoden bis zur fulminanten MH-Krise reichen. Eine frühzeitige
Diagnose erfolgt dank der Monitorisierung der Patienten mit Elektrokardiographie
(EKG) und Kapnographie.
Abklärung bei MH-verdächtigen Reaktionen erfolgt mit der
in-vitro-Muskelkontrakturtestung (IVT) mit Halothan und Koffein.
Mit MH assoziierte Erkrankung - Central Core Disease
(OMIM 117000)
Central Core Disease (CCD) ist eine hauptsächlich
ad vererbte, seltene, erbliche Muskelschwäche, die häufig
mit der Disposition zur MH einhergeht. In der Muskelbiopsie sind
histologisch zentrale, helle Flecken ("cores"), die die
reguläre Struktur der Myofibrillen unterbrechen, Desorganisation
des kontraktilen Apparates und fehlende Mitochondrien erkennbar.
Klinisch finden sich ab der Geburt eine Hypotonie der Muskulatur
(floppy infant), verzögerte motorische Entwicklung, Ptose,
proximal betonte Paresen und belastungsabhängige Muskelkrämpfe.
Gehäuft finden sich Skelettanomalien wie Hüftgelenksdysplasien
und Skoliose. Ein Viertel der CCD-Patienten weisen auch eine MH
auf. Der Krankheitsverlauf ist langsam progredient.
Molekulargenetische Diagnostik
Sowohl MH und CCD sind genetisch heterogene Erkrankungen.
Ein wichtiger krankheitsverursachender Lokus wurde in einigen Familien
sowohl für die MH als auch für CCD auf die Chromosomen-Region
19q12-13.2 eingegrenzt. In diesem chromosomalen Bereich wurde das
Gen für den muskulären Ryanodinrezeptor (RYR1), den Ca2-freisetzenden
Ca2-Kanal des sarkoplasmatischen Retikulums kartiert. Das 159.000
Basenpaar große Gen umfasst 106 Exons und ist mit 2.200 kDA
und 5000 Aminosäuren für die vollständige Mutationsanalyse
recht umfangreich. Zahlreiche Hot-spot-Mutationen wurden für
die MH und die CCD in der N-terminalen Region und zentralen Abschnitten
des Gens identifiziert.
In unserem Institut werden 39 Exons (2, 3, 6, 8, 9, 10-15, 17, 34,
38-40, 42-48, 67, 71, 73, 90, 91, 95, 97, 98 und 100-104) des RYR1
Gens mit der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) vervielfältigt
und mittels denaturing high-performance liquid chromatographie (DHPLC)
auf mindestens ~80 der häufigsten Mutationen hin untersucht.
Diese Mutationen werden bei etwa 35-45% der MH/CCD-Patienten identifiziert.
Mutationen sind in der RYR1-Mutations-Tabelle von
HGMD (The Human Gene Mutation Database Cardiff) aufgelistet: Tabellehttp://archive.uwcm.ac.uk/uwcm/mg/ns/1/120359.html