Morbus Tay Sachs
Beim Morbus (M.) Tay Sachs (OMIM 272800) handelt
es sich um eine angeborene Erkrankung aus der Gruppe der lysosomalen
Speicherkrankheiten. Zum intrazellulären Abbau von GM2-Gangliosiden
werden zwei Enzyme benötigt: Hexosaminidase A und B. Hexosaminidase
A ist zusammengesetzt aus einer a-Untereinheit (kodiert vom HEXA-Gen)
und einer ß-Untereinheit (kodiert vom HEXB-Gen),
während die Hexosaminidase B aus zwei ß-Untereinheiten
besteht. Mutationen im HEXA-Gen, die zum Verlust der Enzymaktivität
der Hexosaminidase A führen, sind verantwortlich für die
klassische Tay Sachs-Erkrankung, während M. Sandhoff (OMIM
268800) durch Mutationen im HEXB-Gen, die zum Verlust der
Enzymaktivität von Hexosaminidase A und B führen, verursacht
wird.
Mutationen im Gen, das für das GM2-Aktivatorprotein kodiert
(GM2AP), liegen der sog. AB-Variante der Tay Sachs-Erkrankung
zugrunde.
Bei der infantilen Form des M. Tay Sachs zeigen
die betroffenen Kinder nach unauffälliger Neugeborenenperiode
in der Regel ab dem 3.-5. Lebensmonat eine Entwicklungsverzögerung
mit muskulärer Hypotonie, vermehrten Schreckreaktionen und
Nichterreichen der motorischen Meilensteine. Im Verlauf werden Krampfanfälle,
Makrocephalie, abnehmendes Sehvermögen bis zur Erblindung,
fortschreitender Verlust der motorischen und geistigen Fähigkeiten
und Demenz beobachtet. Ein typischer Befund bei der Untersuchung
des Augenhintergrundes ist der sog. „kirschrote Fleck“
in der Retina, der sowohl bei M. Tay Sachs als auch bei M. Sandhoff
beobachtet wird. Der Tod tritt meist zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr
ein.Bei der juvenilen Verlaufsform werden die ersten Symptome zwischen
dem 2. und 5. Lebensjahr beobachtet. Der Verlust der motorischen
und geistigen Fähigkeiten schreitet langsamer voran, und die
Lebenserwartung liegt bei etwa 15-20 Jahren.
Die adulte Form ist durch variable neurologische Auffälligkeiten
und psychiatrische Symptome gekennzeichnet, wobei Sehvermögen
und Intelligenz in einigen Fällen unbeeinträchtigt sein
können. Der Schweregrad und die Verlaufsform der Erkrankung
sind eng mit der Restaktivität der Hexosaminidase A korreliert.
Bei klinischem Verdacht auf M. Tay Sachs oder M.
Sandhoff kommt der Bestimmung der Enzymaktivitäten der Hexosaminidase
A und B eine wichtige diagnostische Rolle zu. Diese Bestimmung ist
in Serum, Leukozyten und Fibroblastenkulturen, sowie ggf. aus CVS-Material
und Amnionzellkulturen möglich. Eine fehlende oder stark verminderte
Aktivität der Hexosaminidase A bei normaler Aktivität
der Hexosaminidase B deutet auf M. Tay Sachs hin, während bei
M. Sandhoff die Aktivität beider Enzyme fehlt bzw. deutlich
vermindert ist. Bei der AB-Variante sind normale Enzymaktivitäten
zu finden.
M. Tay Sachs folgt einem autosomal-rezessiven Erbgang,
d.h. die Eltern der Patienten sind in der Regel beide heterozygote
Anlageträger, zeigen aber selbst keine Symptome. Das statistische
Erkrankungsrisiko für jedes Kind solcher Paare beträgt
25 %. Die molekulargenetische Diagnose der Tay Sachs-Erkrankung
erfolgt durch direkte Sequenzanalyse der 14 Exons des HEXA-Gens.
Eine Unterscheidung der klinischen Verlaufsformen anhand des molekulargenetischen
Befunds ist nicht möglich.