Neurofibromatose
Typ 1
Die Neurofibromatose
Typ I (Syn.: Neurofibromatose oder Morbus Recklinghausen, periphere
Neurofibromatose) ist eine vererbte Erkrankung, die vor allem Haut
und Nervensystem betrifft. Daher wird sie den neurokutanen Erkrankungen
zugeordnet.
Typische Veränderungen
an der Haut sind mehrere Café-au-lait-Flecken sowie Neurofibrome.
Im zentralen Nervensystem treten gehäuft Tumore verschiedener
Lokalisationen auf. Patienten können minderbegabt sein und
an epileptischen Anfällen leiden. Des Weiteren sind regelmäßig
Augen und Knochen mitbetroffen.
Als Cafe-au-lait-Flecken
bezeichnet man etwa zentimeter große milchkaffefarbene Veränderungen
der Haut. Sie liegen im Niveau der Haut, können bei allen Menschen
auftreten und sind harmlos. Bei Menschen mit einer Neurofibromatose
Typ 1 treten sie gehäuft auf. Als Neurofibrom bezeichnet man
gutartige Tumoren, die von den Zellen der Schwannschen Scheiden
kleiner, in der Haut verlaufender Nervenfasern ausgehen.
Die Neurofibromatose
wird durch eine Veränderung in einem Gen hervorgerufen, welches
normalerweise hemmend auf die Zellteilung Einfluss nimmt. Es kommt
daher zu überschießender Gewebsvermehrung und damit zu
den typischen Veränderungen. Die Diagnose wird meist anhand
des klinischen Bildes bereits in der Kindheit gestellt.
Da es sich
bei der Neurofibromatose Recklinghausen um eine genetische Erkrankung
handelt, ist eine Therapie, welche die Ursache beseitigt nicht möglich.
Es werden daher nur Veränderungen behandelt, die für den
Patienten störend oder gefährlich sind.
Inzidenz,
Erbgang und Epidemiologie
Man schätzt
etwa 30 - 40 Erkrankte auf 100.000 Einwohner, was einer Erwartung
von einem betroffenen Kind pro 2.500 - 3.300 Geburten entspricht.
In der Hälfte der Fälle geht man davon aus, dass eine
Neumutation zu den Veränderungen im Erbgut führt. Alle
bisherigen Beobachtungen bestätigen den autosomal dominanten
Erbgang, was bedeutet, dass ein betroffener Elternteil mit einer
Wahrscheilichkeit von 50 % die Erkrankung an seine Kinder weitergibt.
Man findet keine unterschiedlichen Häufigkeiten in verschiedenen
Regionen der Erde oder unter Angehörigen anderer ethnischer
Gruppen. Allerdings erkranken Männer etwas häufiger als
Frauen.
Pathogenese
und Molekularbiologie
Die Neurofibromatose
Typ 1 war die erste erbliche Tumorerkrankung, deren Genetik aufgeklärt
werden konnte. Der Neurofibromatose Typ-I-Lokus liegt auf dem Chromosom
17q11.2. Er ist komplex und kodiert möglicherweise für
ein den intrazellulären Signalpfad modulierendes Protein. Das
Neurofibromatose Typ I-Gen umspannt ca. 400.000 Basenpaare. In einem
mehr als 40.000 Basenpaare großen Intron des Neurofibromatose
Typ-I Gens finden sich drei Gene in entgegengesetzter Leserichtung:
OMPG codiert für ein membrangebundenes Glykoprotein des Oligodentrozyten-Myelins,
EVI2A und EVI2B codieren für virale Insertionssequenzen. Am
Neurofibromatose Typ-I Lokus sind Translokationen (1,17) und 17,22),
Deletionen, Insertionen und Punktmutationen beschrieben. Die über
50 Exons des Gens codieren für verschiedne ca. 9-11 kb große
Transcripte. Ein ca. 7.800 bp umfassender open reading frame des
genomischen Lokus erlaubt die Ableitung eines Peptids mit ca. 2.500
Aminosäuren.
Das Neurofibromatose
Typ-I Peptid zeigt Sequenz-Homologien mit dem von Säugetieren
bekannten GAP (GTPase aktivierendes Protein) und den IRA1 und IRA2
Genen der Hefe. Die GAP-verwandte Domäne des NF-I Peptids bindet
in vitro (im Reagenzglas) an das ras p21-Protein. Die katalytische
Domäne von NF-I stimuliert die GTPase-Aktivität von ras
p21. Wenn GTPasen durch ihr (individuelles) GAP aktiviert werden,
dann hydrolysieren sie das gebundene GTP zu GDP und sind als solche
nicht mehr in der Lage, ihren Effektor zu stimulieren. Dieser Effektor
ist im Falle von ras p21 ein über den Phosphatidylinositol-Pfad
vermitteltes mitogenes (die Zellteilung stimulierendes) Signal.
Defekte GAPs können somit ein mitogenes Signal nicht mehr abschalten,
die Zellen proliferieren unkontrolliert.
Pathologie
Bei den Hautumoren
dominieren bindegewebige Veränderungen, die einen Ersatz von
normalem Kollagen durch ein violett durchscheinendes, gelatinöses
Bindegewebe darstellen. Die um die Nervenfasern liegenden (= endoneural)
pathologisch veränderten Fibroblasten unterscheiden sich vom
nomalen Fibroblasten durch eine Palisadenbildung. Die Melanosomen
der Basalzellen in hyperpigmentierten Feldern können extreme
Größe erreichen. Sie scheinen für die Neurofibromatose
Typ-I charakteristisch zu sein, und treten beim Albright-Syndrom
nicht auf.
Die plexiformen
Nerventumore aus Schwannzellen und endoneuralen Fibroblasten bei
der Neurofibromatose Typ-I unterscheiden sich sehr charakteristisch
von der Zellzusammensetzung der unilateralen Optikusgliome, die
aus Astrozyten und Fibroblasten bestehen. Die Schwannome der Neurofibromatose
Typ-I unterscheiden sich durch Palisadenbildung, Wirbelkörperchen
und vakuolisierte Zellen von Fibroblastomen. Geclusterte abnorme
Gliazellen scheinen in ähnlicher Form auch bei der Tuberösen
Sklerose vorzukommen.
Bei Patienten
mit einer Neurofibromatose Typ I können auch bösartige
Tumore auftreten. Periphere Fibrosarkome und Schwannome können
sich ebenso entwickeln, wie zentrale Astrozytome, Glioblastome und
Meningeome.
Klinische
Manifestationen
Haut
Café-au-lait-Flecken
und Farbveränderungen der Achsel sind auffällige Hauterscheinungen.
In mehr als 95 % der Fälle finden sich Café-au-Lait-Flecken
bei Patienten mit der Neurofibromatose Recklinghausen. Etwa 80 %
weisen mehr als sechs große hyperpigmentierte Areale auf.
Allerdings kommen Café-au-Lait-Flecken auch bei etwa 10%
der nicht betroffenen Bevölkerung vor. Es handelt sich bei
dieser Veränderung um große (bis zu mehreren Zentimetern),
scharf und unregelmäßig begrenzte hell- bis dunkelbraune
Flecken. Sie sind am Körper ohne erkennbare Ordnung verteilt.
Es liegt eine Vermehrung von Melanozyten vor.
Das sogenannte
Freckling (engl. freckle = Sommersprossen, Tüpfel, Sprenkel)
ist eine Sommersprossen-ähnliche Verfärbung an Körperstellen,
die normalerweise keiner Sonnenbestrahlung ausgesetzt sind. Am auffälligsten
sind diese Veränderungen in der Achselhöhle und Leistenregion.
Da in etwa 90 % das Freckling bei Patienten mit Neurofibromatose
Typ I auftritt, ist es eine diagnostisch wegweisende Erscheinung.
Daneben werden auch diffuse Farbveränderungen des Rumpfes (Lentiginose)
beschrieben, welche ebenso gehäuft im Bereich der Axillen auftreten.
Neurofibrome
sind Tumore des peripheren Nervensystems, welche sich vor allem
im Bereich der Haut bemerkbar machen. Sie treten typischerweise
kutan (Kutis = Gewebe der Haut), subkutan (Subkutis = Unterhautzellgewebe)
oder als plexiforme Neurofibrome auf. Die Haut der Patienten kann
mit bis zu 10.000 Tumoren unterschiedlicher Größe bedeckt
sein. Sie variieren im Durchmesser von wenigen Millimetern bis zu
mehreren Zentimetern je Läsion. Die Neurofibrome können
unter der Oberfläche liegen, und dann als hügelige Oberflächenstruktur
der Haut auffallen. Andere können halbkugelig auf der Haut
aufsitzen oder in Form eines Sackes anhaften. Auffällig ist,
dass sie bei Druck in die Tiefe ausweichen, was als Knopflochphänomen
bezeichnet wird. Mit diesem einfachen Versuch kann man sehr leicht
ein Neurofibrom von einem Lipom unterscheiden. Die Tumore sind normalerweise
hautfarben, können aber auch rötlich, bläulich oder
violett erscheinen. Die kutanen Neurofibrome weisen eine weiche,
homogene Konsistenz auf.
Die tiefer
gelegenen, subkutanen Neurofibrome sind derbe Verdickungen, welche
von den peripheren Nerven ausgehen. Da die Wucherungen auch auf
die Nerven selbst drücken führen sie häufig zu Schmerzen
und Empfindungsveränderungen.
Die plexiformen
Tumore sind nicht selten im Gesicht, im Nacken, an der Hüfte
und am Unterschenkel lokalisiert. Sie erreichen teilweise eine enorme
Größe und zeigen den ungewöhnlichen Tastbefund multipler
strangförmiger Gewächse (“Sack voll Würmer”).
Neurologie
ZNS-Tumore
und neurologische Symptome treten bei der NF-I als ernstzunehmende
Probleme auf. Vor allem Tumore der Hirnnerven können chirurgische
Interventionen notwendig machen. Akustikus- und Trigeminus-Neurome
verursachen Schmerzen. Ein Foramen-Jugulare-Syndrom und Hypoglossus-Tumore
bewirken entsprechende Symptome, ein Optikus-Gliom kann eine einseitige
Blindheit und Tumore der Spinalwurzeln können Lähmungen
verursachen. Darüber hinaus werden verschiedene neurologische
Symptome beschrieben: Schulschwierigkeiten, eher selten eine Epilepsie
und bei Hypothalamus-Hamartomen eine Pubertas Präcox. Manchmal
verursachen Gliawucherungen einen obstruktiven Hydrozephalus. Besonders
ernst nimmt man das Auftreten von epileptischen Anfällen bei
Patienten mit einer Neurofibromatose, da dies als Zeichen dafür
gelten kann, das sich ein Hirntumor entwickelt.
Augen
Die Lisch-Knötchen
der Augen gelten als ein sehr hilfreiches diagnostisches Kriterium,
da sie sich bei nahezu allen Patienten mit Neurofibromatose Typ
1 über 20 Jahren finden. Dabei handelt es sich um kleine, rundliche,
scharf begrenzte und leicht erhabene Veränderungen in der Regenbogenhaut.
Sie haben einen hellen, gelblich bis bräunlichen Farbton. Die
Anzahl dieser Veränderungen nimmt mit dem Alter der Patienten
zu. Diese von Melanozyten abstammenden gutartigen Gewebsveränderungen
(Hamartome) der Iris wurden bereits 1918 von PJ Waardenburg beschrieben.
Ihre Bedeutung für die Diagnose der Neurofibromatose wurde
1937 von K Lisch entdeckt. 1981 wurde durch die Arbeiten von VM
Riccardi und 1991 durch eine Studie von Marie Louise Lubbs der außerordentlich
große Wert der Lisch-Knötchen für die Differentialdiagnose
der Neurofibromatose Typ 1 herausgestellt.
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Knochen
Skelettveränderungen
treten bei einem Drittel der Patienten auf und bringen die Neurofibromatose-Patienten
zum Orthopäden. Extrem ausgeprägte Kyphoskoliosen aufgrund
von Fehlentwicklung der Wirbelkörper können vorkommen.
Knochenzysten, Hypertrophien, pathologische Frakturen (Knochenbruch
aufgrund einer Erkrankung des Knochens) und habituelle Luxationen
(immer wiederkehrende Gelenk-Auskugelung) machen chirurgische Eingriffe
notwendig. Minderwuchs und Vergrößerung oder Asymmetrie
des Kopfes stellen für die Patienten belastende Symptome dar.
Defekte der Orbitahinterwand machen manchmal einen pulsierenden
Exophthalmus und täuschen so einen Tumor in der Augenhöhle
vor.
Diagnose
Als Kardinalsymptome
oder Kernsymptome bezeichnet man Eigentümlichkeiten, durch
die eine Krankheit definiert ist. Die Neurofibromatose Typ I ist
durch folgende zwei Kardinalsymptome ausgezeichnet: Mehr als 95%
der Patienten mit einer gesicherten Neurofibromatose Typ I haben
mehr als 5 Hyperpigmentierungen der Haut (Cafe-aux-Lait-Flecken).
Bei mehr als 90% der Patienten findet man kutane Tumore.
Als klinisches
Spektrum bezeichnet man alle Symptome, die ein Patient mit einer
bestimmten Erkrankung bekommen kann und deren Entstehung im kausalen
Zusammenhang mit der Erkrankung steht, also nicht bloß zufällig
ist. Bei den meisten Autoren gelten folgende Symptome als obligatorisches
klinisches Spektrum der Neurofibromatose Typ I: Cafe-au-Lait-Flecken
und kutane Neurofibrome zählen dazu. Der Nachweis von Lisch-Noduli
gelingt je nach Studie bei 90 bis 100% der Patienten. Bei ca. 80%
der Patienten findet sich eine Axillar-Pigmentierung. Bei 20% der
Patienten findet man große plexiforme Tumore. Alle anderen
Tumore (spinale und periphere Neurofibrome, Schwannome der peripheren
Nerven etc.) finden sich bei weniger als 5% der Patienten. Etwa
ein Drittel der Patienten hat darüber hinaus unspezifische
Symptome wie: Schulprobleme (30%), Minderwuchs (15%), Macrozephalie
(25%), Skoliosen (30%). Pseudoarthrosen und Epilepsien treten bei
weniger als 5% der Patienten auf. Ein Teil der Patienten entwickelt
ein Phäochromozytom.
Zu den diagnostischen
Kriterien zählen die Symptome, die der allergrößte
Teil der Patienten im Laufe der Erkrankung bekommen. Es entwickeln
aber nicht alle Patienten alle diese Symptome, sondern lediglich
mehr oder weniger zufällige Kombinationen davon. Ärzte
machen eine statistisch geschickte Auswahl von Durchnittssymptomen
und benutzen diese als diagnostische Kriterien, um vorherzusagen
ob ein Mensch die jeweilige Krankheit hat.
Behandlung
Da es sich
bei der Neurofibromatose Typ I um eine genetisch bedingte Erkrankung
handelt, ist eine Therapie, die auf Heilung der zugrunde liegenden
Störung abzielt, zur Zeit nicht möglich. Die einzige Behandlungsmöglichkeit
besteht daher in der operativen Entfernung der Neurofibrome und
Tumore oder ausnahmsweise in deren Bestrahlung. Dabei sollte man
allerdings sehr zurückhaltend vorgehen, denn die Operation
eines Neurofibroms kann den Funktionsausfall des betreffenden Nerven
mit bleibenden Lähmungen zur Folge haben. Tumore des zentralen
Nervensystems können derart lokalisiert sein, dass ein operatives
Vorgehen ohne Veränderungen an gesundem Gewebe nicht möglich
ist. Es besteht außerdem die Möglichkeit, dass Operation
und Bestrahlung ein Wachstum der Tumore begünstigen kann.
Daher wird eine sehr genaue Risiko-Nutzen-Abwägung verlangt.
Es werden üblicherweise nur solche Veränderungen entfernt,
die das Risiko einer bösartigen Entwicklung besitzen. Auch
eine schwere neurologische oder orthopädische Symptomatik,
gravierende kosmetische Probleme sowie eine drohende Erblindung
stellen Gründe für eine Operation dar.
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Prognose
Aufgrund des
in dem Abschnitt Pathogenese beschriebenen Mechanismus entwickeln
sich alle Symptome der Erkrankung erst im Laufe der Zeit. In diesem
Sinne besteht auch eine Progredienz. Mit der Vielfalt der genetischen
Befunde geht eine Vielfalt der Symptome und Verläufe der Erkrankung
einher. Die Sterblichkeit der Patienten ist im Allgemeinen erhöht.
Wegen des autosomal dominanten Erbganges wird eine kritische Überprüfung
des Kinderwunsches angeraten. Es scheinen Fertilitätsstörungen
vorzukommen.
aus: Wikipedia
