Krankheitsinformationen zum Rett-Syndrom
Das Rett-Syndrom betrifft überwiegend Mädchen und tritt
bei einem von 10.000 bis 15.000 Mädchen auf. Damit ist es selten,
aber dennoch nach dem Down-Syndrom die häufigste Ursache schwerer
Behinderungen bei Mädchen. Die Erkrankung ist durch eine unauffällig
verlaufende postnatale Entwicklung gekennzeichnet, gefolgt von einer
Regressionsphase (Rückentwicklung). Hauptsymptome sind geistige
Retardierung (verzögerte Entwicklung), Wachstumsretardierung.
Verlust von erworbenen Fähigkeiten, teilweise autismusähnliche
Merkmale und Entwicklung stereotyper Handbewegungen.
Der klinische Verlauf des Rett-Syndroms wird in vier Phasen eingeteilt:
1. Das erste Stadium bis zum Alter von 6-18 Monaten verläuft
anscheinend normal
2. Darauf folgt eine Phase des Verlustes erworbener Fähigkeiten.
Die kommunikative Sprache, die Feinmotorik und der Handgebrauch
gehen verloren. Die betroffenen Kinder ziehen sich sozial und emotional
zurück, können wenig Kontakt zu ihrer Umwelt aufnehmen
und verfallen zudem in plötzlich auftretende Schreiphasen.
Diese Phase kann sehr rasch verlaufen.
3. In der hierauffolgenden Plateauphase (ca. 2.-10- Lebensjahr)
kommt es zu einer Verminderung der autistischen Züge. Die Reizbarkeit
der betroffenen Kinder nimmt wieder ab. Sie interessieren sich wieder
für ihre Umwelt, die Fähigkeit zur Kommunikation verbessert
sich. Daneben bleiben die schon bekannten Symptome wie Zähneknirschen,
Handstereotypien und epileptische Anfälle erhalten. Zusätzlich
kommt es verstärkt zu Apraxie (neurologische Unfähigkeit
zur Ausführung erlernter zweckmäßiger Bewegungen
oder Handlungen trotz erhaltener Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit)
und Ataxie (neurologische Störung der Bewegungsabläufe,
diese sind ungewöhnlich ruckartig).
4. Schließlich kommt ca. ab der Pubertät eine Spastik
(Verkrampfung, Überreaktion der Muskulatur), Bradykinesie (verlangsamte
Bewegung), distal (rumpf-fern) betonte Dystonien (Störungen
der Muskelspannung) und Rollstuhlabhängigkeit hinzu. Der Wachstumsschub
während der Pubertät bleibt üblicherweise aus, im
Erwachsenenalter liegt üblicherweise ein Kleinwuchs vor, die
Lebenserwartung ist vermindert.
Zur klinischen Diagnosestellung werden die folgenden Kriterien verwendet:
Obligate diagnostische Kriterien
1. Unauffällige prä- peri- und postnatale Zeit.
2. Normale psychomotorische Entwicklung in den ersten 6-10 Monaten.
3. Kopfumfang bei Geburt im Normbereich
4. Verlangsamung des Kopfwachstums zwischen dem 5. Monat und 4.
Lebensjahr
5. Verlust eines sinnvollen und gezielten Handgebrauchs sowie emotionaler
Rückzug zwischen dem 6. und 30. Lebensmonat.
6. Verlust der kommunikativen Sprache bzw. Störungen der Sprachentwicklung
7. Verlust feinmotorische Fähigkeiten
8. Entwicklung stereotyper meist symmetrischer Handbewegungen unterschiedlicher
Muster
9. Gangentwicklungsstörungen bzw. keine Laufentwicklung
10. Klinische Diagnose im Alter von 2-5 Jahren
Unterstützende Kriterien:
1. Anomalien der respiratorischen Rhythmik mit periodischen Apnoephasen
im Wachzustand
2. EEG-Anomalien
3. Epilepsie
4. Spastik mit Dystonie und muskulärer Atrophie
5. Störungen der vasomotorischen Regulation insbesondere der
unteren Extremitäten
6. Entwicklung einer fortschreitenden invalidisierenden Skoliose
7. Wachstumsverzögerung
8. Kleine, blau gefärbte kalte Füße
9. Wach-Schlaf-Rhythmus gestört
10. Bruxismus (Zähneknirschen)
Genetische Ursache:
Auslöser der Erkrankung ist meistens eine
Mutation im MeCP2-Gen. Dieses Gen kodiert für ein Protein,
das in der Regulation der Transkription beteiligt ist, weiterhin
scheint das MeCP2- Protein über die BDNF(Brain Derived Neural
Factor)- Genregulation an der neuronalen Entwicklung mitzuwirken.
Das MeCP-Gen befindet sich auf dem X-Chromosom und wird meist vom
Vater vererbt. Es erkranken fast ausschließlich Mädchen,
Jungen können nur erkranken, wenn die Mutation von der Mutter
vererbt wird. Das MeCP-Gen hat vier Exons und drei Introns, wobei
mehr als 98% der kodierenden Sequenz in Exon 3 und 4 zu finden ist.
Mutationen wurden weltweit bei ca. 70-80% der Patientinnen mit klassischem
Rett-Syndrom gefunden. Die Mutationen sind über verschiedene
Domainen verteilt, es finden sich alle gängigen Mutationstypen.
Rett-Syndrom bei männlichen Patienten:
Mutationen im MeCP2-Gen wurden auch bei männlichen
Patienten nachgewiesen, sie zeigen meist eine kongenitale (angeborene)
Enzephalopathie (Veränderung des Gehirns).
Indikationen zur Untersuchung:
- klassisches Rett-Syndrom
- Regressionssymptomatik unklarer Genese ( metabolische und andere
Ursachen ausgeschlossen) bei Mädchen und Jungen
- Schwere kongenitale Enzephalopathie unklarer Genese bei Jungen
Wiederholungsrisiko:
Das Rett-Syndrom tritt meist sporadisch auf, das
individuelle Wiederholungsrisiko sollte im Rahmen einer humangenetischen
Beratung abgeklärt werden.